»Finanzielle Unabhängigkeit ist in vielen Situation existentiell.«

Gerechtigkeitsforscher Markus Schollmeyer rät den Sponsoren des DFB und der FIFA von der Teilnahme an der WM in Katar 2022 ab

Markus Schollmeyer

Markus Schollmeyer

Aequalitas Institut für Gerechtigkeitsforschung
Erhardtstr. 8
80469 München

Tel.: +49-89-38380628
E-Mail: m.schollmeyer[at]aequalitas.org
Web: www.aequalitas.org

Weitere Interviews

12.04.2017 Finanzcoach Niklas Horstmann über die Bedeutung einer zweiten Meinung
21.02.2017 Triumph Gold Corp Chairman John Anderson zum Goldvorkommen im Yukon und das Potenzial
24.11.2016 NanoFocus AG CTO Jürgen Valentin über Wachstumsschritt vom Technologie- zum Marktführer
16.11.2016 PV-Invest GmbH Gründer Günter Grabner zur Emission zweier Unternehmensanleihen
07.11.2016 Sanochemia AG Vorstand Dr. Stefan Welzig zur Refinanzierung der Unternehmensanleihe
22.09.2016 Pasinex Resources Ltd. CEO Steve Williams im Gespräch über Zink und Potenziale
26.08.2016 Michael F. Legnaro und Martin Sander, Geschäftsführer und Gründer der Agora Invest GmbH, über die Assetklasse Immobilien
12.07.2016 Burkhard Balz als EU-Parlamentsmitglied zum Brexit und die Folgen
28.01.2014

Aus aktuellem Anlass haben wir mit Markus Schollmeyer vom Aequalitas Institut für Gerechtigkeitsforschung über die Verhältnisse in Katar im Zusammenhang mit der FIFA Fußballweltmeisterschaft 2022 gesprochen. Das Institut ist Kooperationspartner der Ludwig-Maximilian-Universität in München im Bereich marktorientierte Unternehmensführung, betreibt Gerechtigkeitsforschung und berät Unternehmen und Institutionen bei Fragen rund um die Themen Business Ethics, Corporate Social Responsibility und Compliance im Rahmen des Business Developments.

Herr Schollmeyer, am Wochenende wurden Angaben zu den Opfern im Zusammenhang mit der FIFA Fußballweltmeisterschaft in Katar 2022 veröffentlicht. Demnach sind bereits allein 382 Menschen aus Nepal aufgrund der Arbeitsbedingungen in Katar ums Leben gekommen. Die Gesamtzahl der Opfer, die auch aus anderen Nationen kommen, ist nicht bekannt. Was haben Sie gedacht, als Sie die Information erhalten haben?

Eines gleich vorab. Ich bin großer Fußballfan und habe bis vor einiger zeit sogar noch im Rahmen meiner bescheidenen Fähigkeiten gespielt. Deshalb beschäftigt mich das Thema nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Zu Ihrer Frage: Ich habe mich gefragt, wie es die FIFA anstellt, weiter wegzuschauen. Denn man sollte nicht Katar an den Pranger stellen, die haben eine andere Kultur und machen nur das, was dort schon im gesellschaftlichen System verankert ist. Es ist die FIFA, die eine WM vergibt und ausrichtet. Und: Irgendwann muss man es doch selbst merken, dass da was nicht stimmt. Und entsprechend handeln. Getreu dem Motto von Karl Lagerfeld: Nur Dummköpfe ändern ihre Meinung nicht! Und wer sich die Verträge der FIFA hinsichtlich finanzieller Forderungen an WM Ausrichter und die Vermarktung ansieht, weiß, wie intensiv die FIFA mitmischt. Also sollte sie auch hier Verantwortung zeigen und nicht wegsehen oder die Katarer in den Fokus schieben. Sonst sehen die angeblichen Ethik Kommissionen der FIFA schnell wie Heuchelei aus, ein Hort der Doppelmoral. Fairplay, was die FIFA ja predigt und wegsehen bei Menschenrechtsverletzungen passen nicht wirklich zusammen. Und den Schuh ziehen sich dann die Sponsoren gleich mit an. Sicher kein gutes Image, da hilft auch die verblassende Strahlkraft des Sports nicht mehr.

Auf der einen Seite geben die Ausrichter in Katar sehr viel Geld für klimatisierte Stadien aus und auf der anderen Seite müssen Menschen an den Folgen der unerträglichen Arbeitsbedingungen sterben. Ist es ein Fall von Menschenrechtsverletzung?

Ganz klar: Ja. Sklaverei und Ausbeutung ist ein solcher Fall. In Deutschland sogar ein strafbarer! Unser Recht kennt ja auch die psychische Beihilfe, also das mentale Unterstützen einer Tat. Auch wenn das FIFA und den Sponsoren im strafrechtlichen Sinne nicht nachzuweisen ist, so muss sich jeder Beteiligte, auch der Sponsor aber schon fragen lassen, warum man wegschaut. Die Menschen und Kunden werden das sicher tun, zumal es ja eine umfangreiche Berichterstattung zum Thema in den Medien gibt. Deshalb haben auch besonders die öffentlich-rechtlichen Medien eine Verantwortung.

Was raten Sie dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und den Sponsoren aus Deutschland vor dem Hintergrund der Missstände und Versäumnisse der Ausrichter in Katar?

Wenn der Sinn des Fußballs zur Völkerverständigung nicht verloren gehen soll, dann kann das Geschehen rund um die Baustellen nicht so stehen gelassen werden. Sonst gibt man zu, dass es ums Geld geht und nicht um den Sport als Menschen verbindendes Element. Aus politischen, ideologischen Gründen wurden ja sogar olympische Spiele boykottiert. Man muss das ernsthaft auch dann bei einer WM in Erwägung ziehen, das im Vorfeld klar machen. Auch wenn es nicht um Politik und Macht, aber um den Schutz der Schwächsten geht. Im Vorfeld kann man noch was bewegen, wenn die Stadien erst mal stehen, ist es zu spät.

Welche rechtliche und soziale Verantwortung tragen deutsche Institutionen und Unternehmen, die trotz der Offenlegung der Missstände an der Fußballweltmeisterschaft in Katar festhalten?

Fußball ist ursprünglich ein Sport und kein Wirtschaftszweig. Weil aber einige so obszön daran verdienen, wird sich nichts ändern und verantwortliches Handeln bis auf ein paar Lippenbekenntnisse Fehlanzeige bleiben. Dazu müssten die Verantwortlichen ja in die Hand beißen, die sie füttert. Hier gilt dann nicht nur das Gesetz des Stärkeren, weil die Schwachen versklavt werden, sondern das brechtsche Diktum: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Hier sehe ich persönlich sogar eine Parallele zum ADAC. Mächtige Vereine verraten ihre Werte und auch Mitglieder. Wir haben dazu sogar eine Petition gestartet: https://www.openpetition.de/petition/online/rote-karte-fuer-kriminelle-manager In anderen Worten: Die Verantwortlichen sehen für sich keine Verantwortung. Da kann man von außen sagen, was man will, es verhallt. Deshalb brauche ich auch nicht auf etwas hinzuweisen, was jeden vernünftigen Menschen mit Herz klar ist. Heute ist eigentlich kein Platz mehr für die Dinge, die andere ausbeuten. Das bestimmt dann auch die eigene Verantwortung.

Spieler und Trainer der Nationalmannschaften befinden sich möglicherweise in der Zwickmühle. Zum einen sehen sie die Chance der sportlichen Großveranstaltung und auf der anderen Seite die Umstände der Errichtung der Spielstätten. Was empfehlen Sie?

Unsere Nationalmannschaft ist sehr weltoffen und liberal, wie man am Umgang mit Hitzelsperger und seinem Outing sieht. Vielleicht sollte man die Spieler mal fragen, ob sie auf blutgetränktem Rasen spielen wollen. Und dann mal sehen, was herauskommt. Ich denke, die wissen schon, was zu tun wäre.

Kann man aus juristischer Sicht unterscheiden, ab welcher Anzahl von Opfern man nicht mehr von Unfällen, sondern vielmehr von fahrlässiger Tötung sprechen muss?

Kann man sicherlich, aber für eine solche Beurteilung bin ich zu weit vom tatsächlichen Geschehen an den Baustellen weg. Alles andere ist Spekulation, da es auf die Umstände ankommt, inwieweit der Täter es in Kauf nimmt, dass andere sterben. Dazu habe ich keine belastbaren Informationen.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Sponsoren der FIFA Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar mit einem negativen Image rechnen müssen?

Noch nicht, denn wir haben ja noch zwei WMs dazwischen. Beide übrigens in interessanten Ländern, wenn man den Korruptionsindex zugrunde legt: Brasilien und Russland. Auch hier wären die Hintergründe des Zuschlages sicherlich interessant. Die Umstände der WM 2022 setzt dem ganzen dann die Krone auf. Sponsoren sollten deshalb darüber nachdenken, ob der Weg über die FIFA der richtige ist. Sie ist die Vertragspartnerin, nicht die Veranstalter. Letztere wollen sich nur auf der Weltbühne zeigen und zahlen einen hohen Preis. Das verbindet sie mit den Sponsoren, auch die wollen sich ja auf der Weltbühne zeigen. Ob das in dem Zusammenhang allerdings noch weiter die passende Bühne ist, muss man bezweifeln dürfen. Besonders, wenn man als Sponsor die nordamerikanischen und europäischen Märkte im Auge hat. Dort herrscht ein großes Bewusstsein für Fairness und Nachhaltigkeit. Dort ist es wichtiger, wie man agiert als was es bringt. Und Unternehmen und Institutionen, die ihren Profit auf Kosten anderer machen oder das unterstützen, werden dann schnell abgelehnt.

Wenn Sie morgen einen Anruf von den Veranstaltern aus Katar erhalten und man Sie um Rat bitten würde, was würden Sie tun?

Eigentlich sollte der Anruf aus Zürich kommen, von der FIFA. Die ist der Veranstalter. Von dort sollte man steuern. Es wird diesen Anruf nicht geben. Sonst müsste man sich ja Fehler eingestehen. Falls es bei der FIFA tatsächlich einen Generationenwechsel gibt, sieht das wieder anders aus. Dann ist die WM 2022 aber sicher schon vorbei. Vermutlich aber wären die Katarer sogar die vernünftigeren Ansprechpartner, denn die wollen sich ja auf der Weltbühne im besten Licht zeigen. Mein Rat wäre aber einfach: Bekennt euch zu Werten, nicht zum Gewinn. Das passt nicht zum Sport. Und damit nicht zu einem Land wie Katar, das in der Welt geachtet werden will und soll. Achtung liegt nicht nur begrifflich nahe am Wort Ächtung, das ist auch in der heutigen Welt ein schmaler Grad. Da muss man sehr vorsichtig sein.

Herr Schollmeyer, vielen Dank für das Gespräch.

 

Kostenloser Newsletter - mit spannenden Hintergrundinformationen!

E-Mail*
* Ich habe die Datenschutzerklärung und die Nutzungsbedingungen gelesen und akzeptiere diese. Über das gesetzliche Widerrufsrecht gemäß der Widerrufsbelehrung bin ich informiert.