14.08.2026 | 09:00
Apple, Volatus Aerospace, innoscripta: Ein Gigant und zwei Aufsteiger mit Vervielfachungspotenzial
Wird ein Unternehmen an der Börse für das bewertet, was es herstellt – oder für das, was Anleger in ihm sehen wollen? Bei Apple sorgt das margenstarke Servicegeschäft für hitzige Debatten, ob der Kern der Erfolgsgeschichte eigentlich eher Software oder Hardware ist. Volatus Aerospace, ursprünglich ein kanadischer Drohnen-Dienstleister, steht genau vor diesem Sprung: weg vom margenschwachen Flugbetrieb, hin zu einer Software- und KI-Plattform für Drohnenabwehr und Verteidigungstechnologie. Und innoscripta zeigt, welche Wachstumsraten in der Softwarebranche möglich sind. Ein Blick auf drei sehr unterschiedliche Unternehmen und die Frage, wo die größte Bewertungslücke zwischen Geschäftsmodell und Aktienkurs klafft.
Lesezeit: ca. 8 Min.
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Autor:
Jens Castner
ISIN:
APPLE INC. | US0378331005 , VOLATUS AEROSPACE INC | CA92865M1023 | TSXV: FLT , OTCQB: TAKOF , INNOSCRIPTA SE | DE000A40QVM8
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Inhaltsverzeichnis:
Der Autor
Jens Castner
Der gebürtige Nürnberger ist seit mehr als 30 Jahren im Finanzjournalismus und am Kapitalmarkt aktiv, zuletzt als Chefredakteur von Börse Online. Seit April 2026 ist er selbstständig tätig, um sich voll und ganz seiner großen Leidenschaft zu widmen: der Identifikation unterbewerteter Aktien, mit besonderem Fokus auf das Nebenwertesegment.
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Wenn aus Blech Software wird
Elon Musk war schon vor dem Börsengang von SpaceX der reichste Mann der Welt – dank Tesla. Die Aktie des Elektroautopioniers ist im Vergleich zu etablierten Herstellern wie GM, Ford, Mercedes-Benz und VW extrem teuer. Die Analystenzunft ist gespalten: Die einen sehen eine fatale Überbewertung, die anderen halten Tesla eher für ein Softwareunternehmen mit angeschlossener Autoproduktion. Musk selbst wiederholt gebetsmühlenartig, wer Tesla nur als Autohersteller bewerte, wende das „falsche Framework" an. Sein Lieblingsbegriff lautet „AI & Robotics Company", denn die eigentliche Wertschöpfung liege im autonomen Fahren, KI-Supercomputern und humanoiden Robotern. Dahinter steckt knallhartes Kalkül: Klassische Autobauer werden an der Börse derzeit nur mit dem 5- bis 8-fachen des Jahresgewinns bewertet, während Anleger Tech-Unternehmen ganz andere Multiplikatoren zugestehen.
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei SAP. Der Wandel vom Lizenzverkäufer zum Cloud-Anbieter (SaaS – Software as a Service, ein Mietmodell für Software) ist inzwischen fast vollständig vollzogen und beschert planbare, wiederkehrende Umsätze. Im Frühsommer 2026 geriet die Aktie dennoch spürbar unter Druck: Sorgen, dass Künstliche Intelligenz klassische Unternehmenssoftware überflüssig machen könnte, drückten den Kurs im Juli auf ein Jahrestief. Seit der Vorlage der Halbjahreszahlen, die ein zweistelliges Wachstum im Cloud-Geschäft bestätigten, hat sich die Aktie jedoch deutlich erholt. Viele Analysten und Marktbeobachter halten die Sorge ohnehin für übertrieben: Da SAP selbst mit einer eigenen Business-AI-Plattform in den KI-Trend investiert, könnte das Unternehmen eher zu den Profiteuren als zu den Verlierern der technologischen Entwicklung zählen.
Mit Drohnen und KI gegen Waldbrände
SAP hat den Wandel zum SaaS-Anbieter so gut wie abgeschlossen, Tesla hat mit Musk einen Lautsprecher, der Anleger für seine Vision begeistert. Auch Volatus Aerospace strebt in diese Liga – doch der Umbau vom Flugdienstleister zum SaaS-Anbieter, der eine Neubewertung der Aktie rechtfertigen könnte, steht noch am Anfang. Vor CEO Glen Lynch und seinem Team liegt also noch viel Überzeugungsarbeit. Die Voraussetzungen könnten besser nicht sein: Mit einem Kassenbestand von 59,2 Mio. CAD und einem rekordhohen Working Capital von 63,8 Mio. CAD verfügt Volatus über die stärkste Bilanzposition der Firmengeschichte und kann sich den Umbau des Geschäftsmodells leisten. Der kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Nach den soeben veröffentlichten Zahlen erwirtschaftete das Unternehmen im zweiten Quartal einen Umsatz von 8,4 Mio. CAD, nach 10,6 Mio. CAD im Vorjahreszeitraum. Grund für den Rückgang war ein einzelner Verteidigungsauftrag über rund 2,6 Mio. CAD, der wegen Lieferkettenproblemen nicht wie geplant abgeschlossen werden konnte. Gegenüber dem Vorquartal legte der Umsatz hingegen um 49,5 % zu, getragen von einem Anstieg bei Ausrüstungslieferungen um 38 % und bei Dienstleistungen um 59 %. Der Verlust je Aktie lag mit 0,01 CAD exakt im Rahmen der Analystenerwartungen.
Ursprünglich war Volatus ein reiner Betreiber von Flugdiensten: Rund 28 bemannte Flugzeuge und über 100 Drohnen absolvieren jährlich etwa 1,7 Mio. km an Pipeline-Inspektionen und liefern wiederkehrende Erlöse von rund 20 Mio. CAD jährlich. Der Schwerpunkt verlagert sich jedoch von Hardware und Überwachungsflügen hin zur intelligenten Steuerung. Kern dieser Strategie ist SKYDRA, ein SaaS-Mietmodell für die Planung von Drohnenabwehr-Einsätzen, das Margen von 35 % erreicht – deutlich mehr als das renditeschwächere Stammgeschäft. Ergänzt wird SKYDRA durch die Autonomie-Plattform V-CORTEX, einen nur 3,5 x 3,5 Zentimeter kleinen und unter 15 Gramm leichten Flugregler, der mittels Künstlicher Intelligenz die Navigation auch ohne Satellitensignal ermöglicht. Strategisch bedeutsam für Volatus war die Aufnahme in die nächste Phase des US-amerikanischen Drone Dominance Program, eines vierstufigen Rüstungsprogramms mit einem geplanten Investitionsvolumen von 1,1 Mrd. USD, das mehr als 300.000 kostengünstige autonome Systeme beschaffen soll. Parallel wächst das Verteidigungsgeschäft über die im Juni eröffnete Produktionsstätte in Mirabel/Québec, die auf einen Jahresumsatz von bis zu 250 Mio. CAD ausgelegt ist. Hinzu kommen NATO-Ausbildungsaufträge und ein weiterhin starkes Zivilgeschäft.
Anfang August vereinbarte Volatus zum einen eine Kooperation mit dem spanischen Hersteller Singular Aircraft, dessen autonomes Schwerlastflugzeug FlyOx 1 – mit rund 4.000 kg Startgewicht und einer Nutzlast von bis zu 1.560 l Löschmittel – künftig für die kanadische Waldbrandbekämpfung und den Katastrophenschutz eingesetzt werden kann. Zum anderen sicherte sich das Unternehmen über eine Kooperation mit Kraus Hamdani Aerospace die Exklusivrechte als kanadischer Partner für die Langstrecken-Drohne K1000ULE und das zugehörige Kommunikationsnetzwerk ATNE++, das unter anderem bei der Waldbrand-Aufklärung und arktischen Überwachung zum Einsatz kommen soll. Sowohl Canaccord Genuity als auch Stifel versehen die Aktie mit einem Kursziel von 1,00 CAD. Das spricht für Verdopplungspotenzial.
Das margenstarke Trojanische Pferd
Apple ist ein weiterer prominenter Fall, bei dem sich Analysten nicht einig sind, ob der Kern des Geschäftsmodells eher Hardware oder Software ist. Während die Bruttomarge bei iPhones, Macs und iPads bei rund 35 % liegt, erreicht sie im Servicegeschäft über 75 %. Zwar tragen die Dienste nur knapp 28 % zum Umsatz bei, wegen der hohen Margen aber fast die Hälfte zum Bruttogewinn – was das aktuelle KGV von 34 rechtfertigen soll. Doch die Software-Milliarden entstehen nur, weil Menschen physische iPhones besitzen. Damit fungiert die Hardware als margenstärkstes Trojanisches Pferd der Wirtschaftsgeschichte – erstklassige, aber teure Geräte locken die Kundschaft in ein geschlossenes Ökosystem, in dem anschließend wie bei einem SaaS-Modell monatlich kassiert wird.
Zum 1. September 2026 übernimmt John Ternus, bislang zuständig für Hardware Engineering, den Posten des Vorstandschefs von Tim Cook. Es ist der erste CEO-Wechsel bei Apple seit 2011. Operativ lieferte der Konzern aus Cupertino zuletzt eines seiner stärksten Sommerquartale: Der Umsatz stieg um 16 % auf 109,4 Mrd. USD, das verwässerte Ergebnis je Aktie kletterte um 29 % auf 2,02 USD – getrieben vom iPhone-Wachstum von knapp 22 %. Der Markt reagierte dennoch verhalten, weil Lieferengpässe bei Halbleitern und ein angespannter Speichermarkt die Prognose für das Septemberquartal auf ein Wachstum von 9 bis 11 % dämpfen. In der Rangliste der wertvollsten Unternehmen der Welt ist Apple mittlerweile wieder hinter Nvidia zurückgefallen; unmittelbar nach den Quartalszahlen hatte die Silicon-Valley-Ikone kurzzeitig die Spitzenposition zurückerobert. Die Mehrheit der Analysten sieht die Aktie aktuell als ausgereizt an, das durchschnittliche Kursziel liegt mit 306,28 USD nur einen Hauch über dem aktuellen Niveau von 303,35 USD.
Rechtssicherheit im Dschungel der Bürokratie
Anders als Apple oder Volatus musste sich innoscripta nicht neu erfinden: Das Unternehmen aus Tutzing bei München war von Beginn an ein reines Softwarehaus. Mit der Cloud-Plattform Clusterix unterstützt innoscripta Firmen dabei, ihre Forschungs- und Entwicklungsvorhaben zu managen, die staatliche Forschungszulage zu beantragen und zu dokumentieren, um im Fall einer Betriebsprüfung Rechtssicherheit zu haben. Das Geschäftsmodell kombiniert ein klassisches SaaS-Abonnement mit einer erfolgsbasierten Beratungskomponente, bei der ein Anteil der tatsächlich fließenden Fördergelder als Honorar anfällt – in der Branche als „Software-enabled Service“ bekannt. Die Zahl der Standorte und damit auch die Kundenzahl wächst rasant. Zuletzt meldete das Unternehmen den erfolgreichen Markteintritt in Frankreich, Großbritannien und den USA – auch in Österreich sind die Bayern bereits tätig. Der Clou: Die Plattform Clusterix lässt sich mit überschaubarem Aufwand an die jeweiligen Gegebenheiten in anderen Ländern anpassen. Einer weiteren Skalierung steht also nichts im Wege. Dazu kommt: Kein einzelner Kunde macht mehr als 1 % des Konzernumsatzes aus, weshalb Klumpenrisiken kein Thema sind. Die Abwanderungsquote liegt bei unter 2 %, was für ein fragmentiertes Marktumfeld aus Nischenberatern und Wirtschaftsprüfern spricht, in dem sich innoscripta laut eigenen Angaben mit rund 16 % Marktanteil an allen Anträgen bei der BSFZ (der amtlichen Bescheinigungsstelle Forschungszulage) bereits als Platzhirsch positioniert hat.
Zum Börsengang am 23. Mai 2025 kostete die Aktie 120,00 EUR; aktuell notiert sie bei 80,10 EUR. Das Listing im eher unbedeutenden Scale-Segment der Frankfurter Börse dürfte im Zusammenspiel mit den KI-Ängsten in der Software-Branche einer der Gründe sein, warum das Unternehmen trotz dynamischer Wachstumszahlen bislang von Investoren noch wenig beachtet wird. MP Capital Markets/Warburg Research bestätigte Ende Mai in einer Studie das Kaufvotum mit einem Kursziel von 225 EUR, was ein Aufwärtspotenzial von rund 180 % impliziert. Anlass waren die Zahlen zum ersten Quartal 2026, die deutlich über den Erwartungen lagen: Der bereinigte Umsatz stieg um 57 % auf 40,3 Mio. EUR, das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) um 63,5 % auf 27,3 Mio. EUR, was einer Marge von 67,7 % entspricht. Bemerkenswert dabei ist die sogenannte operative Hebelwirkung (Operating Leverage): Die Kostenquoten für Vertrieb, Forschung und Verwaltung sanken trotz des Wachstums – ein Hinweis darauf, dass zusätzliche Kunden auf der bestehenden Plattform nur noch geringe Zusatzkosten verursachen.
Rückenwind erhält das Geschäftsmodell zudem durch zwei regulatorische Änderungen bei der Forschungszulage, die seit 2026 gelten: Die maximale Bemessungsgrundlage steigt von 10 auf 12 Mio. EUR, zusätzlich wird ein pauschaler Aufschlag von 20 % auf förderfähige Aufwendungen eingeführt. Für das Gesamtjahr 2026 gibt das Management einen Umsatz von gut 140 Mio. EUR sowie ein EBIT von mindestens 80 Mio. EUR als Zielmarke aus. Die Halbjahreszahlen, die weiteren Aufschluss über die Nachhaltigkeit des Wachstums geben dürften, werden voraussichtlich am 25. August veröffentlicht.
Wo die Bewertungslücke am größten ist
Während Apple, SAP und Tesla längst in der Topliga spielen und dementsprechend Bewertungen zwischen 200 Mrd. und 4 Bio. EUR auf die Börsenwaage stemmen, sind Nebenwerte wie Volatus oder innoscripta noch weitgehend unentdeckt und bieten Vervielfachungspotenzial. Der Börsenwert von innoscripta liegt zwar bereits bei knapp 800 Mio. EUR, doch das KGV von 13,8 für das laufende Jahr trägt dem strammen Wachstum nicht ansatzweise Rechnung – daher das hohe Kursziel der Analysten. Hinzu kommt eine Dividendenrendite von über 4 %. Volatus Aerospace wird wegen des Umbaus zum KI- und SaaS-Anbieter 2026 aller Voraussicht nach noch keine schwarzen Zahlen schreiben, ein KGV ist daher nicht messbar. Der Vergleich mit anderen Drohnenspezialisten zeigt jedoch, dass die Aktie noch viel Luft nach oben hat. AeroVironment, DroneShield, Kratos und Red Cat bringen es allesamt auf Marktkapitalisierungen im Mrd.-USD-Bereich, während Volatus mit knapp 400 Mio. CAD immer noch bewertet wird wie ein wachstumsschwacher Flugdienstleister. Die aktuellen Kursziele der Analysten, die sich zwischen 0,95 und 1,25 CAD bewegen, müssen daher noch längst nicht das Ende der Fahnenstange sein.
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