22.10.2026 | 05:25
BioNTech, Formycon, Biogen – Pharma-Milliarden werden neu verteilt
Die Pharmaindustrie steht vor einer gewaltigen Neuordnung. Während milliardenschwere Blockbuster-Medikamente ihre Patentexklusivität verlieren, drängen günstigere Nachahmer-Präparate auf den Markt. Gleichzeitig investieren Biotechnologiekonzerne Milliarden in neue Krebsmedikamente und Therapien gegen bislang schwer behandelbare Erkrankungen. Für Anleger entsteht ein Spannungsfeld zwischen etablierten Umsatzbringern, neuen Wirkstoffen und einem wachsenden Kostendruck im Gesundheitswesen. Besonders interessant sind Unternehmen, die sich frühzeitig den Zugang zu lukrativen Medikamentenmärkten sichern. Denn schon ein kleiner Anteil am Umsatz eines globalen Blockbusters kann erhebliche wirtschaftliche Bedeutung besitzen.
Lesezeit: ca. 4 Min. | Autor: Stefan Feulner
ISIN: FORMYCON AG | DE000A1EWVY8 , US09062X1037 , BIONTECH SE SPON. ADRS 1 | US09075V1026
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Der Autor
Stefan Feulner
Stefan Feulner besitzt rund 30 Jahre Kapitalmarkterfahrung, war mehr als drei Jahre CEO eines börsennotierten VC-Unternehmens und lange im Beteiligungs- und Fondsmanagement tätig.
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BioNTech – 16 Krebsstudien sollen neue Börsenfantasie entfachen
BioNTech will seine Transformation vom Impfstoffhersteller zum breit aufgestellten Onkologiespezialisten vorantreiben. So kündigte das Mainzer Biotechunternehmen an, auf dem europäischen Krebskongress ESMO insgesamt 16 wissenschaftliche Beiträge zu präsentieren. Im Mittelpunkt stehen neue klinische Daten zu Pumitamig, einem vielversprechenden Wirkstoffkandidaten gegen verschiedene Tumorerkrankungen.
Bedeutend sind die ersten Ergebnisse der globalen Phase-2-Studie ROSETTA Lung-107. Darin wird Pumitamig in Kombination mit dem Chemotherapeutikum Docetaxel bei Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs untersucht, deren Erkrankung nach einer vorherigen Behandlung weiter fortgeschritten ist.
Pumitamig greift gleichzeitig an zwei biologischen Zielstrukturen, nämlich PD-L1 und VEGF-A an. Dadurch soll einerseits die Immunabwehr gegen Tumoren gestärkt und andererseits die Bildung neuer Blutgefäße gehemmt werden, die Krebszellen für ihr Wachstum benötigen. BioNTech entwickelt den Wirkstoff gemeinsam mit Bristol Myers Squibb.
Zusätzliche Aufmerksamkeit dürften Daten zur Kombination von Pumitamig mit dem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat Elftetabart Drozuntecan erhalten. Dieser Ansatz verbindet Immuntherapie mit dem gezielten Transport eines Zellgifts in Tumorgewebe.
Die Präsentationen vom 23. bis 27. Oktober könnten wichtige Hinweise auf das Potenzial der Onkologie-Pipeline liefern. Allerdings müssen sich die Wirkstoffe in weiteren klinischen Studien bewähren. Für BioNTech geht es darum, aus seiner umfangreichen Forschungspipeline langfristig neue Umsatzträger zu entwickeln und die Abhängigkeit vom rückläufigen COVID-19-Impfstoffgeschäft zu reduzieren.
Formycon – Angriff auf den 32 Mrd. USD-Blockbuster
Das deutsche pharmazeutische Unternehmen mit Sitz in Planegg-Martinsried bei München hat einen wichtigen Meilenstein erreicht. In der abgelaufenen Woche meldete der Biosimilar-Spezialist, dass die US-Arzneimittelbehörde FDA den Zulassungsantrag für FYB206 zur Prüfung angenommen hat. Der von Formycon entwickelte Wirkstoff ist ein Nachfolgepräparat des Krebsmedikaments Keytruda, das vom US-Pharmakonzern MSD (Merck & Co) entwickelt wurde und vermarktet wird. Nach Unternehmensangaben handelt es sich um den ersten öffentlich bekannt gewordenen Keytruda-Biosimilar-Antrag, der diese regulatorische Hürde genommen hat.
Die wirtschaftliche Dimension ist gewaltig. Keytruda erzielte 2025 einschließlich Keytruda Qlex einen weltweiten Umsatz von 31,7 Mrd. USD. Allein im ersten Halbjahr 2026 waren es 16,4 Mrd. USD. Formycon positioniert sich damit in einem der lukrativsten Medikamentenmärkte der Welt.
Hervorzuheben ist die Entwicklung von FYB206 ohne vergleichende Phase-III-Wirksamkeitsstudie. Der mit der FDA abgestimmte Zulassungsweg verkürzte die Entwicklungszeit und reduzierte die Kosten erheblich. Eine Entscheidung der Behörde über die Marktzulassung könnte im dritten Quartal 2027 fallen.
Die Annahme des Antrags löst zudem eine Meilensteinzahlung von Zydus Lifesciences Limited aus. Der indische Pharmakonzern besitzt die exklusiven Vermarktungsrechte für die USA und Kanada. Formycon ist darüber hinaus an den Bruttogewinnen seiner Vermarktungspartner für FYB206 beteiligt.
Zusätzliche Wachstumsfantasie liefert die aktuelle Unternehmensmeldung. Formycon erweitert seine Entwicklungspipeline um einen neuen Biosimilar-Kandidaten FYB286 und kooperiert dafür mit dem südamerikanischen Spezialpharmaunternehmen Biocelys. Während Formycon seine Entwicklungskompetenz einbringt, übernimmt Biocelys wesentliche Aufgaben bei der Herstellung. Die Vorfinanzierung erfolgt durch die Santo Biosimilar GmbH, die wie Biocelys zur Unternehmensgruppe des Formycon-Großaktionärs Athos gehört.
Formycon erhält Zahlungen für seine Entwicklungsleistungen und wird an den späteren Erlösen von Santo beteiligt. Laut einer ergänzenden Pflichtmitteilung haben die von Formycon eingebrachten Rechte und Leistungen einen geschätzten Zeitwert von 40 bis 45 Mio. EUR. Erste Ausschüttungen aus der Erlösbeteiligung, die erst nach Abzug der Projektkosten einschließlich Zinsen greift, werden ab 2036 erwartet. FYB286 zielt auf eine seltenere Erkrankung mit nach Unternehmensangaben wachsendem Marktpotenzial, insbesondere in Schwellenländern.
Analysten sehen auf Basis des aktuellen Kurses von 19,30 EUR enormes Potenzial. H.C. Wainwright erhöhte das Kursziel von 36 auf 42 EUR und bestätigte seine Kaufempfehlung. Berenberg sieht die Aktie ebenfalls als Kauf, mit einem Kursziel von 30 EUR.
Biogen – Neue Langzeitdaten stärken Milliardenmarkt für seltene Krankheiten
Biogen baut sein Geschäft jenseits der traditionellen Multiple-Sklerose-Therapien weiter aus. Der US-Biotechnologiekonzern kündigte neue Langzeitdaten zum Medikament Empaveli an. Die Ergebnisse sollen auf der ASN Kidney Week vom 22. bis 25. Oktober vorgestellt werden und betreffen zwei seltene, schwere Nierenerkrankungen.
Im Mittelpunkt stehen die C3-Glomerulopathie und die primäre immunkomplexvermittelte membranoproliferative Glomerulonephritis. Beide Erkrankungen können die Nieren dauerhaft schädigen und im schlimmsten Fall zu einem vollständigen Funktionsverlust führen.
Die neuen Daten zeigen nach Unternehmensangaben, dass Empaveli über einen Zeitraum von 76 Wochen die Eiweißausscheidung im Urin nachhaltig verringerte und die Nierenfunktion stabilisierte. Auch das langfristige Sicherheitsprofil blieb konsistent.
Besonders wichtig ist die jüngste Erweiterung der US-Zulassung. Empaveli darf bei Patienten ab zwölf Jahren nun nicht nur zur Verringerung der Proteinurie, sondern auch zur Reduzierung des Verlusts der Nierenfunktion eingesetzt werden.
Biogen arbeitet außerdem an weiteren Therapien gegen immunvermittelte Nierenerkrankungen. Der Antikörper Felzartamab wird bereits in drei Phase-III-Studien untersucht. Erste Daten aus dem Programm gegen antikörpervermittelte Abstoßungsreaktionen nach Nierentransplantationen werden im ersten Halbjahr 2027 erwartet.
Damit erschließt sich Biogen zusätzliche Märkte für hochspezialisierte biologische Medikamente. Gerade bei seltenen Erkrankungen mit wenigen Behandlungsmöglichkeiten können erfolgreiche Therapien wirtschaftlich attraktiv sein.
BioNTech will mit neuen Krebswirkstoffen den Grundstein für die nächste Wachstumsphase legen. Biogen erweitert sein Geschäft mit innovativen Therapien gegen seltene Nierenerkrankungen. Formycon greift mit FYB206 einen Medikamentenmarkt an, dessen Originalpräparat jährlich mehr als 30 Mrd. USD umsetzt. Die angenommene FDA-Einreichung und die jüngste Kurszielerhöhung liefern neue Argumente für die Aktie.
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